Wenn Nico den Arm hebt, entdeckt man etwas ungewöhnliches an seinem Trizeps
1. Oktober 2020
von Franziska Schindler

Spritzen für den Sport

Nico vereint Krafttraining und Diabetes

Nico (31) aus Berlin lebt seit 17 Jahren mit Diabetes und ist fast genauso lang leidenschaftlicher Kraftsportler. Der Projektleiter bei Coca-Cola ist unser Mitglied des Monats. Im Interview mit LOOX verrät er, wie sich seine Erkrankung auf das Training auswirkt und wann er zu Gummibärchen greift.

Nico, was hat dich dazu motiviert, mit dem Kraftsport anzufangen?

Im Alter von 15 wurde bei mir Diabetes diagnostiziert. Diese Message musst du als Jugendlicher in der Pubertät erst mal verkraften. Da ich sowieso Probleme mit meinem Knie hatte, hat mir mein Arzt geraten, mit dem Kraftsport anzufangen. Man muss dazu sagen, dass Krafttraining wirklich eine gute Sportart für Diabetiker ist. Einerseits, weil du die Verbrennung während des Trainings hast und andererseits wegen des Nachbrenneffekts. Ich merke es jedes Mal: Wenn ich eine Woche mal nicht trainiere, benötige ist sofort mehr Insulin.

Wie bist du damals mit der Diagnose umgegangen?

Mit 15 bist du in der neunten Klasse, hast im Bio-Unterricht die ganzen Standard-Krankheiten und hörst von solchen Sachen wie Diabetes. Dann denkst du dir „Ja gut, das kriegst du ja eh nicht. Das muss mich jetzt gar nicht interessieren.“ Und dann bekommst du paar Monate später die Diagnose – das war schon superschwierig! Mittlerweile habe ich es seit 17 Jahren. Man muss eine gewisse Disziplin an den Tag legen, aber es ist definitiv eine Krankheit, mit der man gut leben kann, wenn man bisschen hinterher ist.

Nico privat

Wie beeinflusst der Diabetes dein Training?

Ich trage einen Sensor am Oberarm. Bevor es die Sensoren gab, musste man sich in den Finger piksen, damit ein bisschen Blut rauskommt, man den Teststreifen ranhalten und den Zuckerwert im Blut bestimmen kann. Gerade Sport hat eine blutzuckerspiegel-senkende Wirkung. Daher war es so, dass ich vor dem Training, währenddessen und danach messen musste. Mit dem Sensor fällt das Thema weg. Er ist über Bluetooth mit dem Handy verbunden. Indem ich es an den Sensor halte, messe ich meinen Blutzucker. Falls er zu niedrig ist, werde ich alarmiert. Und das kann ich überall machen!

Was passiert, wenn der Alarm losgeht?

Idealerweise nimmst du dann Traubenzucker zu dir, weil er innerhalb von 90 Sekunden im Blut ist, Gummibärchen oder eine Coca-Cola. In der Regel lasse ich den Zucker absichtlich etwas höher, wenn ich trainieren gehe, weil der im Laufe des Trainings runtergeht. Dann läuft man gar nicht erst Gefahr, in den Unterzucker zu kommen.

Cola, Gummibärchen, Traubenzucker – das klingt für einen Kraftsportler erst mal ziemlich ungesund. Welche Schwierigkeiten bereitet dir der Diabetes in puncto Ernährung?

Es ist ja mit allen Sachen so: Wenn man sie in großen Mengen zu sich nimmt und übertreibt, wird’s ungesund. Wenn ich jetzt unterzuckere – je nachdem wie stark – trinke ich auch nur eine Dose oder esse am liebsten etwas Traubenzucker und der hat ja auch nicht viele Kalorien. Das hat tatsächlich nicht viel Einfluss auf meine Ernährung.

Wie ernährst du dich abgesehen davon?

Ich versuche, die 80/20-Regel zu fahren, also 80 Prozent sauber. Normale Kohlenhydratzufuhr, Fett jetzt nicht unbedingt zu hoch. Über die Jahre hab ich gelernt, mit wie vielen Kalorien ich mein Gewicht halte, abnehme oder zunehme. Ich hab vor zwei, drei Jahren auch mal Diäten mit Tracken gemacht. Irgendwann bekommt man ein Gefühl dafür, worauf der Körper anschlägt und was er braucht. Jetzt, wo ich wegen Corona im Homeoffice bin, habe ich auch bemerkt, dass ich deutlich weniger zu essen brauche.

Es klingt so, als hättest du deine Ernährung ziemlich gut im Griff. Womit hast du das geschafft?

Als Diabetiker musst du dich extrem mit dem Ernährungsthema auseinandersetzen. Damals im Krankenhaus habe ich alles von der Pike auf gelernt: Wie was auf den Körper reagiert, woher die bösen Kohlenhydrate kommen, was die Fette machen. Davon profitiere ich jetzt auf jeden Fall!

Nico privat

Ernährung ist das eine, Training das andere. Wie sieht dein Trainingsplan momentan aus?

Aktuell trainiere ich Push-Pull-Beine und dann nochmal Push. Den zweiten Push-Tag habe ich, weil ich meinen Fokus auf die Brust setze, um quasi meine Schwäche auszugleichen – man hat ja selbst immer eine andere Wahrnehmung als andere. Unter der Woche gehe ich in der Regel dreimal und sonntags ist dann meistens der vierte Tag. Viermal die Woche ist okay für mich, aber je nachdem wie es halt passt!

Vor welche Herausforderungen stellt dich der Diabetes beim Krafttraining?

Herausforderungen gibt es, seitdem ich den Sensor habe, nicht wirklich. Es ist nur ganz witzig, was das Insulin-Spritzen angeht. Mittlerweile spritze ich es mir, egal wo ich gerade bin. Dafür gehe ich jetzt nicht mehr in irgendeine Ecke, weil die Spritzen inzwischen wie so ein Pen aussehen. Das musst du dir wie einen großen Kugelschreiber vorstellen. Natürlich kommt von meinen Kumpels dann schon mal der witzige Spruch nach dem Motto: „Na ja, du hast es einfach beim Krafttraining. Du spritzt ja auch!“ (lacht).

Womit motivierst du dich, um ohne Doping am Ball zu bleiben?

Auf der einen Seite weiß ich, dass ich mit dem Sport meine Krankheit so gut im Griff habe. Auf der anderen Seite ist es der Antrieb, in Form zu bleiben. Und nach einem langen Arbeitstag freue ich mich einfach, beim Training abzuschalten – das ist für mich wie eine Belohnung!

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