Florence Kasumba in ihrem Element. Am 19. Oktober startet "Deutschland 86". Hier spielt sie eine südafrikanische Agentin
18. Oktober 2018

„Move or you will be moved!“

Florence Kasumba ist Deutschlands weiblicher Action-Star Nummer 1

Auf die Sekunde genau um zehn Uhr trifft „Black Panther“-Star Florence Kasumba (42) zum Interview in einem Berliner Café ein. „Timing und Präzision sind wichtig in meinem Beruf“, scherzt sie. „Sonst ist bei einer Action-Szene schnell mal ein Kollege oder man selbst verletzt.“ Dabei lächelt sie und man ist sofort gefangen von dieser Frau, die sogar schon Scarlett Johansson einschüchterte. Und genauso präzise wie ihre Kampfszenen sind dann auch ihre Antworten.

Drehst du Kampfszenen lieber mit oder ohne Waffen?

Was mir am meisten Spaß macht, sind die Kämpfe, die ich ohne Waffen machen darf. Da kann ich viel mehr aus mir rausgehen. Bei Marvel kämpfe ich als „Dora Milaje“ mit dem Speer. Das finde ich okay, daran habe ich mich gewöhnt. Aber das Training war unheimlich hart, und ich mag die Waffe nicht unbedingt. Ich bin im Nachhinein stolz darauf, dass ich die ganzen Choreographien gelernt habe, und das hat mir auch Spaß gemacht.

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Was sind Highlights bei solchen Dreharbeiten?

Bei „Avengers Infinity War“ war es einmal so, dass es hieß: „Pass mal auf, deine Kollegin kommt dann gleich in die Szene und dann springst du über sie, machst eine Vorwärtsrolle, sie rollt sich zurück, dann blockst du, weil du angegriffen wirst“, und so weiter. Das sind Sachen, die mir unheimlich viel Spaß machen, wo ich einfach nur denke: „Wow!“ Ich bin froh, dass ich diese Grundausbildung habe und solche Dinge umsetzen kann.

Kostüm, Make-up, Drehen – wann bleibt da Zeit zum Sport?

Ich habe um drei oder vier Uhr morgens im hoteleigenen Fitness-Studio trainiert. Dort habe ich Kolleginnen wie Angela Bassett getroffen. Sie hat dann auch schon mit Cardio angefangen, hat Krafttraining gemacht. Also auch die Sachen, die ich privat mache. Du wärmst dich vor der eigentlichen Arbeit auf. Wenn du in der Maske sitzt, dein Kostüm anbekommst, zum Set gehst, musst du ja bereit sein zu funktionieren. Und wenn du dann diese Kollegen siehst, dabei spielt es keine Rolle, wie alt die sind, die sind alle fit gewesen.

Fitter als du?

Ich vergleiche mich nicht mit meinen Kollegen oder bewundere sie, weil ich ja weiß, dass man hart arbeiten muss, um etwas zu erreichen. Angela ist unheimlich fit. Sie hätte sogar ihre eigenen Stunts machen können, weil sie entsprechend trainiert. Für mich ist es einfach schön zu wissen, dass ich solche Kollegen um mich herum habe, weil ich mich dann nicht erklären muss.

Auch nach Dreharbeiten?

Es ist ganz oft so, dass die Kollegen nach der Arbeit essen gehen, während ich noch einmal trainiere. Dann höre ich oft: „Warum? Brauchst du doch gar nicht.“ Doch, brauch ich. Weil ich fit sein will für meine Arbeit. Ich kann keine Pille nehmen, ich muss es selber machen. Ich muss in mich und meine Gesundheit investieren. Und das zahlt sich am Ende aus. Um wieder das Beispiel Angela Bassett zu nehmen. Sie ist 18 Jahre älter als ich, kommt zum Set und du nimmst ihr die Rolle, die sie in „Black Panther“ spielt, sofort ab. Sie hat die Arbeit dafür bereits im Vorfeld investiert.

Bewunderst du dann solche Kollegen?

Ob ich meine Kollegen bewundere? Nein. Ich tausche mich aber sehr gerne mit ihnen aus, wenn es sich ergibt.

Gehen wir mal einen Schritt zurück. Du bist im Ruhrgebiet aufgewachsen. Da denke ich beim Sport zunächst an Fußball, dann an Pferdesport. Weniger an Martial Arts.

Zum Martial Arts bin ich ja erst viel, viel später gekommen. Ich habe sehr früh – mit zwölf – angefangen zu tanzen. Step, Jazz-Tanz, Ballett, das ist die Basis. Und später habe ich das vier Jahre studiert. Das heißt, ich musste jeden Morgen um acht Uhr an der Stange stehen und meine Plies machen. Das war im Prinzip die Vorbereitung für alles, was danach kam. Ich habe damals noch überhaupt nicht an Film und Fernsehen gedacht. Ich habe die Ausbildung gemacht, damit ich in Musicals spielen kann. Für diese acht bis neun Shows in der Woche muss du belastbar sein. Mein Ziel war: Ich will diese Shows durchstehen. Wenn du einen Vertrag über anderthalb Jahre unterschreibst, dann läuft deine Woche so, dass du montags frei hast und den Rest der Woche spielst. Dafür benötigst du Ausdauer.

Bis wann hast du Musical gemacht?

2013 stand ich im Musical Chicago auf der Bühne, eine Show, in der viel getanzt wird.

Und erst dann bist du zum Martial Arts gekommen?

Ich habe dann etwas gesucht, was ich in meiner Freizeit machen kann. Yoga hat mir nicht gereicht, weil ich mich frei durch den Raum bewegen wollte. So bin ich zum Kung Fu gekommen.

Womit hast du dann angefangen?

Ich habe erst mal mit Qi Gong begonnen. Da denken viele Leute, das ist langweilig, diese langsamen Bewegungen. Man darf aber halt nicht vergessen: Alles, was du langsam ausführst, kannst du auch schnell machen (lacht). Es ist ein sehr gutes Training für die Balance, Bewegungen langsam zu üben. Damals war ich auch vom Alter her bereit, dass zu verstehen. Ich möchte die Übung sauber machen. Denn wenn ich etwas langsam und ordentlich übe, dann kann ich es später schnell ausführen. So bin ich zur Kampfkunst gekommen. Allerdings darf man nicht vergessen, dass ich mich bereits im Studium intensiv mit Bewegung beschäftigt habe.

Dennoch ist der Weg von da bis nach Hollywood noch ein relativ weiter. Wie hast du das so schnell geschafft?

Ich habe sehr viele Jobs gemacht. Ich war viel im Ausland. Ich habe in Holland studiert, wieder nach Deutschland, wo ich einige Disney-Shows gemacht habe. Dadurch hatte ich natürlich schon Kontakt zu sogenannten „Creatives“ aus Amerika. „König der Löwen“ ist z. B. hier genauso wie am West End oder Broadway. Du hast das „Creative Team“, das kommt und mit dir an einer Show arbeitet. Wir machen also das gleiche, wie unsere amerikanischen Kollegen. 2016 war ich zum ersten Mal für „Black Panther“ in den USA. Ich habe aber vorher in Europa schon bei US-Produktionen mitgewirkt.

Hast du dich denn für „Black Panther“ noch einmal besonders vorbereitet oder im Training noch einmal eine Schippe draufgelegt?

Ich habe mein generelles Training, was ich das ganze Jahr über durchziehe. Es kommt aber auch darauf an, was ich für Kostüme trage. Z. B. die Uniform in „Black Panther“, die den ganzen Körper bedeckt. Wenn ich so etwas trage, darf sich mein Körper nicht großartig verändern. Heißt für mich: Mein Training bleibt gleich. Bei den Szenen, wo wir weniger anhaben, da wollte ich dann schon, dass alles definierter ist. Dafür habe ich mein Training geändert. Ich habe mehr Krafttraining gemacht, um meine Schulterpartie und Bizeps zu definieren. Man darf halt nicht vergessen, dass gerade diese Marvel-Kostüme speziell für unsere Körper angefertigt werden. Da kann ich nicht hingehen, mehr Krafttraining machen und plötzlich mit größeren Muskeln zum Dreh kommen und mein Kostüm passt mir nicht mehr. Dann habe ich echt ein Problem.

Und wenn du einfach nur die Florence aus Berlin bist, nicht der Hollywood-Star. Wie sieht dann deine Sport-Woche aus?

Ich mache klassisch zwei Stunden am Tag, bis auf Sonntag. Das ist mein Ruhetag. Je nach Terminlage ist dies morgens oder abends. Ich trainiere im Shaolin-Tempel in Berlin-Wilmersdorf. Die haben offene Stunden. Dort lerne ich unterschiedliche Kampfkunst-Stile. Je mehr Stile ich beherrsche, desto besser ist dies natürlich für meine Arbeit. Wenn ich drehe, stehe ich drei Stunden vor der Abholung auf und gehe ins Fitness-Studio. Dort mache ich Krafttraining oder Cardio. Je nachdem, was ich brauche.

Wie sieht dein Krafttraining aus?

Beim Kung Fu mache ich Sit-ups, Push-ups, Squats mit und ohne Sprünge, Entenlauf, Froschsprung. Alles Übungen, die ich ohne Geräte ausführen kann. Ich habe auch eine McFit-Mitgliedschaft. Je nachdem wie das Studio ausgestattet ist, kann ich mich dort von oben bis unten abarbeiten. Arme, Beine, Bauch, Rücken, Po. Dabei arbeite ich mit geringem Gewicht, mache dafür aber viele Wiederholungen.

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Hast du Lieblingsübungen?

Da ich Krafttraining überhaupt nicht gerne mache, habe ich auch keine Lieblingsübungen (lacht). Ganz einfach, weil ich lieber das Kampfkunsttraining mache. Ich merke aber, dass es mir besser geht, wenn ich im Gym meinen ganzen Körper durchgearbeitet habe.

Gehen wir wieder nach Hollywood. Du wurdest in „The First Avenger: Civil War“ sehr für deine Ansage an Scarlett Johansson abgefeiert („Move or you will be moved!“). Wie war das für dich?

Ich habe das erst gar nicht mitbekommen. Nachdem die Szene im Kasten war, habe ich die Dreharbeiten erst mal vergessen. Dann kam der Film raus, und ich hatte den erst gar nicht gesehen. Vor dem Gespräch für „Black Panther“ habe ich gedacht: „Schau dir den Film mal lieber an“ (lacht) und gucke, über welche Szene die Leute sprechen. Der Film hat mir gut gefallen, und ich bin stolz, dass ich Teil des Marvel-Universums sein darf.

Man hört oft von europäischen Schauspielern, dass Hollywood eine ganz andere Welt ist.

Komplett. Ich arbeite gerne dort, weil die sehr schnell sind. Ein Rhythmus, den ich bereits von den amerikanischen Musical-Produktionen, die ich hier gemacht habe, kenne. Du gehst zur Arbeit und funktionierst. Da hält dir keiner die Hand. Ich bin jemand, der sich gerne intensiv vorbereitet und das funktioniert in den USA, weil man dort ein größeres Budget hat. Dann heißt es: „Wir fliegen dich ein. Wir können dich noch mal trainieren.“ Oft ist es auch so, dass eine Choreographie, die du am Vortag gelernt hast, am Drehtag noch einmal geändert wird – aus den unterschiedlichsten Gründen. Da musst du dann flexibel sein.

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In "Deutschland 86" spielt Florence Kasumba (M., hier mit Maria Schneider (r.) und Jonas Nay) eine südafrikanische Agentin

Also genau deine Welt?

Ich mag diese schnelle und präzise Arbeit. Du musst dich natürlich unheimlich konzentrieren.

Dein nächstes Hollywood-Projekt ist „König der Löwen“. Eigentlich ungewöhnlich, dass du als Europäerin in der Original-Version zu hören sein wirst.

Ich habe gelernt, dass nicht zu hinterfragen. Es haben sich so viele Leute im Vorfeld darüber Gedanken gemacht, da kannst du davon ausgehen, dass du nicht einfach so genommen wirst. Ich bin sehr froh, dass ich dabei bin. Die Rolle der „Shenzi“ habe ich aber auch schon auf der Bühne verkörpert, auch wenn das nicht ausschlaggebend war.

Du schreibst demnächst aber auch deutsche TV-Geschichte. Du wirst die erste schwarze „Tatort“-Kommissarin.

Ich freu mich total darüber.

Man nimmt dich ja durch Marvel als eher physische Darstellerin war. Und die Filme sind ja – außer die Til-Schweiger-Tatorte – nicht sonderlich actionlastig.

Das liegt an den Drehbüchern. Du musst das umsetzen, was sich die Autoren vorgestellt haben. Nur, weil ich jetzt mehrere Action-Filme machen konnte, heißt das ja nicht automatisch, dass ich nur noch Action mache. Das finde ich ja gerade interessant. Auch mal eine andere Figur zu spielen, die dann andere Vorzüge hat.

Was hast du für eine Verbindung zum „Tatort“?

Ich bin mit dem „Tatort“ aufgewachsen. 2010 habe ich drei „Tatorte“ gedreht und bin total auf den Geschmack gekommen. Damals habe ich gedacht: „Es wäre ein Traum, wenn ich auch mal ermitteln dürfte.“ Aber: Wir haben sehr viele gute Schauspieler in Deutschland. Ich bin einfach nur dankbar, dass dies nach so vielen Jahren jetzt passiert. Das ist eine Chance, die man nicht jeden Tag bekommt.

Du bist über 40 – auch wenn man es nicht sieht – und wirst jetzt einem großen Publikum bekannt. Bist du eine klassische Spätstarterin?

Ich hatte 1996 mein erstes Engagement im Theater in Essen. Damals war ich 20. Das ist kein Spätstart, im Gegenteil. 2000 habe ich meinen ersten Film gedreht. Ich hatte das Glück, alles von der Pike auf zu lernen und konnte über die Jahre wachsen. Das war für mich ein Riesenvorteil, auch im Hinblick auf den „Tatort“. Eine Kommissarin bringt ja auch Erfahrung mit. Sie muss auch eine Ausbildung machen, Arbeitserfahrung sammeln, bis dir irgendwer vertraut, diesen Job ausüben zu können. Vom Alter passt es daher genau jetzt. Ich fände es ungewöhnlich, mit 22 eine Kommissarin zu spielen.

In Deutschland hast du jetzt quasi den Ritterschlag erhalten. Wovon träumst du noch?

Privat wünsche ich mir ein friedliches Miteinander und Gesundheit. Beruflich möchte ich weiterhin national und international arbeiten.

Ab dem 19. Oktober ist Florence bei Amazon Prime in „Deutschland 86“ zu sehen, der Fortsetzung der mehrfach ausgezeichneten Erfolgsserie „Deutschland 83“ (International Emmy 2016). Dort spielt sie die südafrikanische Agentin „Rose Seithati“.