Elisabeth Seitz an ihrer Spezialdisziplin dem Stufenbarren. 2018 wurde sie WM-Dritte
7. August 2019
von PIERRE SCHOBER

Turn-Queen Elisabeth Seitz

Täglich zwei Stunden Krafttraining

Turner sind echte Maschinen. Kraft, Athletik, Dynamik – sie vereinen alles. Elisabeth Seitz (25) ist in Deutschland „State of the Art“ – im Stufenbarren (hier holte sie sich Anfang August den Meistertitel mit unglaublichen 14,9 Punkten) gehört sie zu den besten Turnerinnen der Welt. LOOX traf sie zu einem Gespräch über Fitness, Olympia und Süßigkeiten.

Wir treffen uns ja hier im Rahmen der „Finals2019“. Das ist ja fast eine Mini-Olympiade. Wie findet ihr Sportler die Idee, dass in zehn Sportarten die Finals an einem Wochenende stattfinden?

Wir finden das richtig gut. Gerade, weil es so viele Sportarten sind, die besonders interessant sind, die so viel Aufwand betreiben, um wunderschöne Dinge zu vollbringen, aber gleichzeitig nicht so im Fokus stehen. So haben wir es gemeinsam geschafft, uns ein wenig in den Vordergrund zu rücken. Ich persönlich halte es für eine tolle Idee und hoffe, dass das keine einmalige Sache bleibt.

Wenn man wie du auch international zu den Besten der Besten gehört, ist dann eine Deutsche Meisterschaft noch wichtig oder stört sie in der Vorbereitung auf die „großen“ Wettkämpfe?

JEDER Wettkampf ist ein Highlight, weil ich immer mein Bestes geben will und mich der Öffentlichkeit präsentiere. Die Deutschen Meisterschaften sind halt das Messen der besten deutschen Turner. Da möchte ich mich natürlich auch messen und zeigen.

Sprechen wir mal über euer Fitness-Programm. Eure Körper sind ja richtige Maschinen – kann man ja kaum anders sagen. Verbringt ihr denn auch viel Zeit im Gym?

Ja, aber wir müssen die Übungen gut auswählen, damit sie uns für unsere Anforderungen weiterbringen. Viele Sachen machen wir in der Turnhalle selbst – auch Kraftübungen. Wir haben am Olympiastützpunkt in Stuttgart aber auch ein Gym mit einer großen Auswahl an Geräten. Auch das gehört definitiv mit dazu. Wir machen täglich bis zu zwei Stunden Krafttraining.

Was macht ihr dann?

Alles (lacht)! Es kommt ein wenig auf den Tag an. Mal machen wir nur Beintraining, einen anderen Tag arbeite ich alles an den Geräten ab, was ich brauche. Schnellkraft, Maximalkraft. Kraftausdauer brauchen wir zum Glück nicht ganz so extrem. Mal sind die oberen Extremitäten dran, dann der mittlere Körperbereich. Eigentlich braucht man im Turnen aber halt alles.

Es ist aber nicht so, dass man beispielsweise im Hinblick auf die Bodenübungen oder den Sprungtisch etwa die Sprunggelenke stärkt?

Schon auch. Jeder hat so seine Schwachstellen oder starken Körperteile. Da geht es individuell darum, was wer braucht. Ich zum Beispiel brauche genau das, muss meine Füße stärken aber auch Bauch und Rücken, eben weil ich da Schwachstellen habe. Da will ich natürlich Verletzungen vorbeugen und dem Sport lange erhalten bleiben.

Da grätsche ich dann einmal direkt dazwischen. 25 war ja früher fast schon ein biblisches Alter für eine Turnerin. Das hat sich Gott sei Dank geändert. Heißt dann aber auch im Umkehrschluss: Olympia 2020 in Tokio ist für dich nicht Endstation?

Nein (entsetzt)! Warum sollte ich jetzt eine Endstation festlegen, solange mein Körper mitmacht? Wenn die Leistung stimmt, der Spaß dabei ist und ich auch so mein Leben gestalten kann, dass ich mit dem Sport über die Runden komme, dann mache ich weiter. Und aktuell ist es besonders so, dass der Spaß da ist. Letztendlich muss man immer Schritt für Schritt gehen. Klar muss man große Ziele haben. Und Tokio ist natürlich ein großes aber auch sehr nahes Ziel.

Kommen wir zurück zum Training. Dazu gehört auch die Ernährung. Wie sieht die bei euch aus?

Wir wissen genau, was ist gut für unseren Körper und was nicht. Was müssen wir essen, damit wir Top-Leistungen abliefern können? Gleichzeitig müssen wir natürlich immer auf unsere Figur achten. Wir dürfen nicht zu schwer sein, das würde unser Verletzungsrisiko erhöhen. Jede Turnerin hat ihr eigenes Wohlfühlgewicht (bei Elisabeth liegt es bei 57 Kilo, verteilt auf 1,62 Meter). Ich versuche, mich so gesund wie möglich zu ernähren, gerade auch sehr eiweißhaltig. Gleichzeitig darf ich aber auch nicht vergessen, mir mal etwas zu gönnen.

Auf jeden Fall!

Das ist ganz wichtig für den Kopf. Denn sonst, glaube ich, ist es ziemlich schnell mit dem Spaß am Sport vorbei, weil es zu viel Verzicht bedeutet.

Was gönnst du dir dann?

Gönnen heißt bei mir Süßigkeiten. Chips oder so brauche ich überhaupt nicht. Dafür Gummibärchen, Schokolade, Kekse. Auch Fettiges oder Deftiges spielt bei mir keine Rolle. Da bin ich mit Fleisch, Salat, Fisch total zufrieden. Wer mich kennt, weiß aber, dass Süßigkeiten meine Leidenschaft sind.

Habt ihr Turner auch sogenannte Massephasen, wenn ihr beispielsweise auf Saisonhöhepunkte wie Weltmeisterschaften oder Olympia hintrainiert?

Überhaupt nicht. Gerade im Turnen haben wir keine richtige Saison. Wir haben fast durchgängig Wettkämpfe. Im besten Fall haben wir zu Beginn der Wettkampfphase auch unser Wettkampfgewicht, was wir dann solange wie möglich halten.

Es ist eigentlich ein Skandal, dass ihr Turner ein wenig unter dem Radar fliegt. Eigentlich ist Deutschland ja eine Turnernation. Warum hat beispielsweise eine Elisabeth Seitz in Deutschland nicht den Stellenwert, wie eine Simone Biles, die in ihrer Heimat USA ein Mega-Star ist.

Das ist relativ einfach. Wir haben Fußball. Das ist ein Sport für die Masse. Jeder, auch wer nichts von Sport versteht, kann Fußball nachvollziehen, versteht, wenn ein Tor fällt. Es ist ein Geben und Nehmen zwischen den Medien und der Masse. Mit Turnen muss man sich ein wenig mehr beschäftigen. Ich sage zwar immer, dass man es sich super anschauen kann, ohne alles zu verstehen. Aber die breite Masse scheint es nicht so extrem zu reizen. Besonders wenn es nur so selten im Fernsehen kommt. So fehlt einfach ein wenig der Bezug.

Obwohl die Quoten für euch sprechen.

Bei den Olympischen Spielen sind wir eine der Sportarten, die am meisten geschaut wird. Am Ende gibt es halt den Fußball mit seinen Persönlichkeiten. Da fällt fast jede andere Sportart und seine Sportler etwas ab.

Letzte Frage: Wie sieht dein Zeitplan bis Tokio aus?

Der komplette Fokus liegt natürlich erst mal auf der Qualifikation. Ende August entscheidet sich, wer es ins Deutsche Team schafft. Kurz danach ist noch einmal ein Länderkampf, dann kommt die Weltmeisterschaft (4. bis 13. Oktober 2019 in Stuttgart). Kommen wir da unter die Top zwölf, dürfen wir auch bei den Olympischen Spielen starten. Danach hat man etwas Ruhe und dann heißt es volle Kraft voraus in Richtung Olympia. Es wären dann schon meine dritten Spiele, was ich schon ziemlich cool fände (lacht).

Wir auch!

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