Leichtathletik-Sonnenschein Alexandra Wester gehört in Bestform zu den besten Weitspringerinnen der Welt
20. November 2018

Leichtathletik-Star Alexandra Wester

Training muss Spaß machen

Das Lachen ist Weitspringerin Alexandra Wester (24) nicht vergangen. Beim ISTAF in Berlin hat sich die schöne Kölnerin schwer verletzt. Vierfacher Bänderriss, Syndesmoseband kaputt – lange Pause. Leider kennt sie sich damit gut aus. Mit 17 erlitt sie einen komplizierten Kreuzbandriss, der sie vier Jahre ihrer Karriere gekostet hat. Mit LOOX sprach sie über ihre Comeback-Pläne, Olympia und ihre „Invaliden-WG“.

Schon wieder verletzt – wie geht man mit so einer Situation um?

Diese Verletzung jetzt, fällt mir viel leichter zu verarbeiten, als die damals im Knie. Die Knieverletzung hat mich vier Jahre gekostet. In dieser Zeit habe ich allerdings so viel gelernt, was mir jetzt hilft. Mir wurde damals Geduld aufgezwungen. Jetzt weiß ich, wie lange es dauert. Wenn es ein paar Wochen länger braucht, dann ist das halt so. Aber ich bin mir sicher, dass es wieder wird. Es waren ein paar Schritte, die ich machen musste, um dahin zu kommen. Ich wusste damals bereits, dass ich die machen muss und von daher bin ich jetzt schon ziemlich weit.

Was war dein erster Gedanke, als du damals in der Grube saßt?

In dem Moment wusste ich schon, dass da etwas kaputt ist. Das war ein echter Schockmoment. Ich wusste nicht mehr, ob es beim Absprung oder dem vorletzten Schritt passiert ist. Das ging alles so schnell. Ich wusste auch gar nicht, wie heftig ich weggeknickt bin. Das habe ich erst später auf dem Video gesehen. Ich habe in der Grube auf meinen Fuß geschaut und der ist direkt angeschwollen. Dann habe ich die Leinwand gesucht, in der Hoffnung, dass der Sprung wiederholt wird, aber da war nur mein schmerzverzerrtes Gesicht zu sehen. Dann hat man mich rausgetragen und die Schmerzen wurden noch stärker.

Was waren dann die nächsten Schritte?

Es ging direkt ins Krankenhaus zum MRT. Ich muss sagen, dass man in der Leichtathletik schon ziemlich auf sich allein gestellt ist, was allerdings auch Vorteile hat. Ich bin eh ein selbstbestimmter Typ – auch was die Ärzteauswahl angeht. Beim Fußball oder Basketball ist ja alles sehr geregelt. Denen wird gesagt: „Hier ist der Doc. Da gehst du morgen hin.“ Ich muss hingegen alles selbst organisieren. Dadurch konnte ich aber zu den Leuten gehen, zu denen ich wollte. Ich wurde dann in Heidelberg bei Dr. Schmidt operiert.

Wie lange warst du danach im Krankenhaus?

Ich war zwei, drei Tage da. Danach eine Woche komplett hochlegen. Insgesamt war ich nach dem Unfall sieben Wochen auf Krücken. Dann kamen Lymphdrainage, Physio. Bei mir gab es allerdings Probleme mit der Wundheilung. Das heißt, dass ich etwas länger brauchen werde, um den Fuß wieder mobil zu bekommen.

Du hast dir ja nun im Prinzip dein wichtigstes Arbeitswerkzeug verletzt. Wie viel Geduld brauchst du momentan, um nicht zu früh zu starten?

Sehr viel. Es kommt hierbei sehr auf den Charakter des Sportlers an – und die Erfahrung. Ich habe auch schon viele Sportler kennengelernt, die dann über den Schmerz hinaus trainieren. Das ist allerdings totales Gift. Jeder Sportler muss auf seinen eigenen Körper hören. Dabei aber auch die Stimmen von außen manchmal ignorieren, die dir sagen, ab Woche XY musst du das machen können, dann das. Und dann machst du das auch so. Nein! Du musst selbst ein Gefühl dafür entwickeln.

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Hört sich nach schlechten Erfahrungen an.

Nach meiner Knieverletzung war es so: Mir wurde ab einem gewissen Zeitpunkt gesagt, dass ich wieder Boxsteps machen können sollte. Es fühlte sich aber komisch an. Doch von außen kam dann der Druck. Ich habe es gemacht, das Knie tat weh, Blut ist eingelaufen, zweite Arthroskopie. Du musst lernen, auf das zu hören, was der eigene Körper dir sagt.

Und das geht nur über Erfahrung.

Erfahrung und Feingefühl für den eigenen Körper. Das muss ein Sportler für sich entwickeln. Es gibt zu viele Sportler, die einfach das machen, was der Trainer ihnen sagt, ohne richtig nachzudenken und sich reinzufühlen. Was bringt mir diese Übung? Wie bringt sie mich weiter? Dieses Visualisieren hilft dir dann auch in der Leistungssteigerung, anstatt einfach nur machen ohne nachzudenken.

Wie wichtig ist dann auch das mentale Training?

Sehr wichtig. Da komme ich jetzt auch immer mehr hin. Da merke ich auch, was Feinheiten verändern können.

Du pendelst – aus gutem Grund – gerade zwischen Köln und Berlin und lebst in der Hauptstadt in einer „Invaliden-WG“, weil dein Freund Joshiko Saibou (Basketball-Profi bei ALBA Berlin) ja auch gerade verletzt ist. Wer wird denn schneller fit?

Wir sind auf einem gleichen Stand. Wir haben unsere Physio-Termine gemeinsam, wir machen unsere Reha gemeinsam. Zu Hause stehen alle möglichen Geräte. Das sieht sehr witzig aus. Wir machen auch fast die gleichen Übungen. Meine Verletzung ist – ohne angeben zu wollen – etwas schwerer, deshalb hoffe ich, dass die Ärzte bei ihm recht haben und er schneller fit ist.

Geteiltes Leid ist also halbes Leid. Hilft dir die gemeinsame Reha?

Ja, sehr.

Was für Übungen stehen da so auf dem Programm?

Gerade Propriorezeption für die Fußsohle. Das hilft, dass sich die Nervenenden wieder miteinander verbinden, dass ich wieder ein Gefühl kriege. Dann Mobilisierung und Stabilisation. Jetzt heilt die Wunde langsam wieder zu. Jetzt geht es endlich. Bei ihm ist die Achillessehne verkürzt. Da kann ich ihm dann mit Übungen aus der Leichtathletik helfen. Dann hasst er mich zwar kurz, aber dann ist es auch wieder gut. Er hilft mir dafür beim mentalen Aspekt. Da ist er sehr weit.

Im Oktober 2019 hast du ja dann einen wichtigen Termin in Doha. Denkst du schon jetzt – während deiner Verletzung – an die WM?

Ja, auf jeden Fall. Erst gestern habe ich mir einen Plan geschrieben. Ich fange ja im Wintertraining ungefähr zwei Monate später an. Im Prinzip habe ich mir sogar schon einen kompletten Plan bis Tokio (Olympische Sommerspiele 2020; d. Red.) erstellt.

Die Deutschen Meisterschaften sind ja dann auch in Berlin – dem Ort deiner Verletzung.

Das hat was.

Wie läuft die Hallensaison nun für dich?

Die lasse ich dieses Jahr aus, vielleicht auch nächstes Jahr. Dafür ist mir Olympia zu wichtig.

Wie ist generell so ein Plan in Richtung auf ein Großereignis wie die WM oder Olympia?

Ich bin ein Sonderfall. Mein Krafttraining gestalte ich weitestgehend selbst. Natürlich sagt mein Coach: „Ergänze das noch und dies noch“, aber die Grundstruktur erstelle ich selbst. Eigentlich war es so, dass ich beispielsweise die Hypertrophie gar nicht drinhatte. Letztes Jahr, als ich beim Gerd Osenberg trainiert habe, hatte ich sie dabei, und ich reagiere darauf extrem. Die hat mich erst mal wahnsinnig in den Keller geschossen. Am Ende habe ich davon allerdings sehr profitiert, weil ich die Körner gesammelt hatte.

Und jetzt Kraft-Ausdauer-Phase?

Genau. Im Prinzip fange ich jetzt schon damit an. Erst mal Stabilisierung und dann im Dezember, Januar, Februar geht es in die Kraft-Ausdauer. Anschließend kommt die Hypertrophie-Phase. Dann trainiere ich mit circa sechs Wiederholungen und richtig gutem Gewicht. Schließlich die Max-Kraft-Phase, Explosivkraft und Schnellkraft. Das baust du dir über ein ganzes Jahr auf – bis zum Höhepunkt. Im nächsten Jahr wird dies bei mir deutlich umfangreicher und intensiver mit bis zu drei Krafteinheiten. Für Olympia lege ich dann mehr Wert auf die Spritzigkeit. Eine Vorbereitung auf Olympia sollte man schon so auf zwei Jahre auslegen.

Olympia hat für dich also mehr Priorität als eine Weltmeisterschaft?

Ja. Für nächstes Jahr ist mein Ziel, die Körner zu sammeln. Den Umfang hochfahren, Intensität hochhalten und dann mit Blick auf Tokio mit dem Feinschliff beginnen.

Trainierst du denn jetzt bereits den Oberkörper?

Ja, in der Stabi-Phase. Das habe ich ja dann auch bei den Power-Lifts, dem Umsetzen – da ist Oberkörper mit integriert.

2016 ist deine Bekanntheit durch einen Auftritt im „Sportstudio“ durch die Decke geschossen. Wie waren damals die Reaktionen?

Für mich war es wie ein Traum, es endlich geschafft zu haben und das Ende eines langen Kampfes nach meiner Knieverletzung, die ich mir mit 17 zugezogen hatte. Ein Jahr zuvor saß ich mit meiner damaligen Trainerin zusammen und haderte mit mir und dem Schicksal, weil ich ständig verletzt war.

Im dem Jahr warst du zu diesem Zeitpunkt Weltjahresbeste. Wie muss sich der Laie das vorstellen? Man trifft den Balken und fliegt in Richtung der magischen 7-Meter-Marke. Wie fühlt sich das an?

Es hat sich damals angefühlt wie ein Katapult. Es ging alles mit einer gewissen Lockerheit. Ich hatte die Quali für die Hallen-WM in der Tasche und dann kam noch dieser eine Sprung auf 6,95 m. Ich weiß noch, wie es sich angefühlt hat, dass es erst in der Mitte des Sprungs plötzlich nach oben ging. Dass es da noch mal einen Schub gab. Das war schon ein geiles Gefühl.

https://www.instagram.com/p/BeigHsuhVAg/?taken-by=alexavalerie

Welche These stimmt? Würde Alexandra Wester nicht so gut aussehen, würde sie weiter springen, weil sie sich mehr auf ihr Training konzentrieren könnte oder würde Alexandra Wester nicht so gut aussehen, könnte sie ihren Sport gar nicht professionell ausüben?

Keine von beiden (lacht). Danke erst mal dafür. Aber beide Sachen haben nichts miteinander zu tun, weil ich weiß, dass ich Talent habe. Was ich aber glaube: Würde ich nicht so sehr auf mich selbst hören, sondern mehr auf das, was andere sagen und würde die klassische Schiene fahren – auf die leider viele versteift sind – dann würde ich nicht so weit springen. Was ich anders gemacht habe, dass ich nach Gefühl gearbeitet habe. Es müssen viel mehr Athleten auf ihr Bauchgefühl hören. „So hat es noch nie jemand gemacht!“ oder „So macht man es doch eigentlich nicht“ – das sind genau die Sätze, die einen klein halten. Hätte ich auf die gehört, würde ich nicht so weit springen.

Vielen Usern, die der Leichtathletik nicht so nahestehen, wird dein Gesicht trotzdem etwas sagen, denn du machst Werbung für Zalando und Puma. Was bedeutet die Arbeit als Model? Spaß, Mittel zum Zweck, Arbeit?

Die Arbeit als Model macht mir schon Spaß. Der Dreh mit Zalando etwa war superwitzig. Das war in Los Angeles. Ein Tag Foto-Shooting, dann am nächsten Tag Videodreh. Am Ende waren 30 Leute dabei, und als alles im Kasten war, hieß es: „Jetzt tanz mal.“ Ich bin Leichtathletin, keine Tänzerin (lacht). Aber am Ende haben sie es gut zusammengeschnitten. Aber ich versuche natürlich aufzupassen. Man muss es mit Sport richtig kombinieren. Sport ist und bleibt für mich die Nummer eins. Innerhalb der Saison habe ich auch nichts gemacht.

Du hast ja auch Trainerscheine im Fitness.

Genau, da war ich 19 oder 20, kurz bevor ich nach Amerika gegangen bin. Da habe ich dann als Personal Trainerin gearbeitet, Bootcamps organisiert. Das hat sehr viel Spaß gemacht.

Was sind denn dann so deine Tipps für die weiblichen Klassiker Bauch, Beine, Po?

Ernährung ist alles. Es gibt so viel, worauf man achten muss und viel, was man damit erreichen kann. Beim Training ist das wichtigste, dass es Spaß macht. Viele lieben HIIT’s, andere hassen es, weil es viel zu anstrengend ist. Ich habe mit meinen Klienten damals viel HIIT gemacht und auch Stabi-Übungen aus der Leichtathletik.

Gibt es schon Pläne für die Zeit nach Tokio? Du studierst ja auch noch parallel.

Sport werde ich so lange machen, wie es geht. Wenn ich mit 40 noch geil springe, dann springe ich mit 40 noch weiter. Ich kann mir vorstellen, dann auch mal im Ausland zu leben und zu trainieren.

Was passiert, wenn du in Tokio richtig einen raushaust?

Dann habe ich mein Ziel erreicht und genau darauf arbeite ich hin.

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